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Verein Igelkinder
4.2.2012
Stellungnahme zu folgenden Berichten:
Presse: "Junge Mutter kämpft um ihre Tochter" (1.2.2012)
ORF-ON: "Wegen Strafzetteln Kind abgenommen" (4.2.2012)
ORF-ON: "Langer Rechtsstreit um Mädchen" (1.2.2012)
Standard Online: "Familienstreit um Pflegekinder" (23.1.2012)
An die oben genannten Medien haben wir heute (4.2.2012) eine Stellungnahme geschickt, nicht mit der Absicht einer Veröffentlichung unserer Meinung in den Medien oder uns in den Konflikt zwischen Anwälten und Jugendamt einzumischen, sondern einfach mit der Bitte um Sensibilisierung bei Themen, die das Kindeswohl betreffen. Wie bei allen Geschichten gibt es auch hier sicher zwei Seiten, zwei Meinungen und zwei Wahrheiten. Einigen von uns ist die "andere Seite" sogar persönlich bekannt, der Öffentlichkeit nicht - und da liegt unseres Erachtens das Ungleichgewicht in der Berichterstattung.
Unsere Stellungnahme….
Sehr geehrte Damen und Herren,
in den letzten Tagen häufen sich die Berichterstattungen über Pflegekinder, die vom Jugendamt abgenommen wurden. Als Pflegefamilienverein ist es uns ein wichtiges Anliegen, dass das Jugendamt umfassend recherchiert, bevor ein Kind dauerhaft in ein Pflegeverhältnis übergeben wird. Keine Pflegemutter oder kein Pflegevater möchte ein Kind aufnehmen mit dem Gefühl, dass es zu Unrecht seinen leiblichen Eltern entzogen wurde und jetzt dort aufwächst, wo es eigentlich nicht sein sollte.
Weshalb die zuständigen Jugendämter nicht offensiver entgegnen in diesen Fällen, ist uns nicht bekannt und liegt auch nicht in unserem Einflussbereich als Pflegefamilien. Es ist aber durchaus nachvollziehbar, dass das Jugendamt - im Gegensatz zu den von den leiblichen Eltern engagierten Anwälten - keinerlei Details über die Abnahmegründe veröffentlichen darf und sich dieser medialen Schlammschlacht nicht ausliefern möchte. Wie sollte das Jugendamt adäquat entgegnen, wenn es den konkreten Grund der Abnahme aus Datenschutzgründen gegenüber den leiblichen Eltern in der Öffentlichkeit nicht nennen darf?
Es entsteht daher ein ungleicher und einseitiger medialer Kampf mit reißerischen Schlagzeilen, die Leidtragenden sind nicht nur die betroffenen Kinder und Pflegeeltern, sondern alle Pflegeeltern und Pflegekinder Österreichs, dies sich jetzt in der Öffentlichkeit mit dem Vorwurf herumschlagen müssen, die Pflegekinder wären nicht aus guten nachvollziehbaren Gründen bei Ihnen untergebracht.
Und letztlich sich auch die betroffenen leiblichen Eltern auf lange Sicht die Leidtragenden, denn ein öffentlicher Kampf in den Medien kann dem weiteren partnerschaftlichen Verhältnis zum Kind und den Pflegeeltern sicher nicht zuträglich sein. Wie sollen Besuchskontakte abgehalten werden, wenn der Streit via Medien ausgetragen wird?
Als Verein für Pflegefamilien kann ich Ihnen guten Gewissens unsere Erfahrung mitteilen, nämlich dass jene Kinder, die vom Jugendamt abgenommen und dauerhaft in Pflegeverhältnissen untergebracht werden, in der Regel derart schreckliche Traumatisierungen durch ihre leiblichen Eltern erlebt haben, dass Medien ein eigenes Ressort für "Abgründe der Menschheit" einrichten könnten, würden wir mit den Leidensgeschichten unserer Pflegekinder an die Öffentlichkeit gehen.
Oder um es zu umschreiben, was wir da an Berichterstattungen an Vernachlässigung, Misshandlungen etc. lesen, erstaunt uns überhaupt nicht mehr, weil die meisten Pflegekinder aus solchen hochtraumatischen Situationen kommen, wenn sie vom Jugendamt abgenommen werden.
In der aktuellen Berichterstattung sind Entscheidungen des Jugendamtes für die Öffentlichkeit sicher nicht nachvollziehbar - das macht den "Newswert" der Storys und die öffentliche Empörung offenbar aus - und auf das bauen Anwälte, wenn sie mit "lapidaren Gründen für die Abnahme" an die Öffentlichkeit gehen.
Wir Pflegefamilien bitten Sie - im Sinne einer ausgewogenen und an der Wahrheit orientierten Berichterstattung - diesen Umstand zu beachten, wenn Sie Anwälten den medialen Boden bereiten.
Anwälte sind nicht verpflichtet, die ganze Wahrheit zu vertreten, sondern nur die Sicht ihrer Klienten. Es ist daher hochproblematisch, solche Berichte unreflektiert zu veröffentlichen, wenn man weiß, wie sie motiviert sind.
Falls es Verfehlungen/Fehleinschätzungen des Jugendamtes geben sollte, die objektiv nachweisbar sind, so sind wir auch dankbar für die Berichterstattung in den Medien - da wir Pflegefamilien auch an einer professionellen Arbeit der Jugendwohlfahrt interessiert und davon in unserer Arbeit mit den Pflegekindern abhängig sind. Aber solange es Vorwürfe sind, die einer nachvollziehbaren Motivation entspringen, ein offenes Gerichtsverfahren zu beeinflussen und schlechte Stimmung in der Öffentlichkeit zu machen, solange werden auch die Medien missbraucht für einen persönlichen Feldzug. Und solange werden Pflegefamilien schlecht gemacht in der Öffentlichkeit. Pflegefamilien brauchen Ihre mediale Unterstützung, damit Pflegekinder die Traumatisierungen der leiblichen Eltern hinter sich lassen können und normal aufwachsen.
Aus Respekt vor der Arbeit von Pflegefamilien, die traumatisierten Kindern eine zweite Lebens-Chance zu geben, ersuchen wir Sie recht herzlich, unser Argument "Die öffentliche Wahrheitsfindung ist aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht möglich" bei Ihrer zukünftigen Berichterstattung einfließen zu lassen bzw. die Aussendungen der betreffenden Anwälte auf die damit verbundene Motivation zu werten.
Wir Pflegefamilien würden die aufgezeigten Situationen vielleicht anders bewerten und wissen mehr über die Fälle - aber sprechen dürfen wir Pflegeeltern darüber aus Datenschutzgründen nicht - auch nicht in jenen Einzelfällen, wie sie jetzt von Anwälten veröffentlicht werden. Wir Pflegefamilien bitten Sie dies zu bedenken, wenn Sie weiterhin einseitigen "Falldarstellungen" von Anwälten leiblicher Eltern medialen Boden geben. Es geht dies mitunter auf Kosten der Wahrheit, der Kinder und der Pflegefamilien.
Nur weil Pflegekinder und Pflegefamilien keine Aussagen in der Öffentlichkeit tätigen können, heißt das nicht, dass wir mit den Aussagen und Vorwürfen von Anwälten leiblicher Eltern einverstanden sind und deshalb stillschweigen. Es ist dies vielmehr die Pflicht von Pflegefamilien, Einzelheiten der Fälle nicht preiszugeben und damit einem ungestörten Gerichtsverfahren und dem Kindeswohl Platz zu geben. Aus Gründen des Datenschutzes, aus Respekt vor leiblichen Eltern und aus Respekt vor unseren Pflegekindern.
Mit freundlichen Grüßen
Mag. Georg Lippay
Obmann Pflegefamilienverein Igelkinder
www.igelkinder.at
ACHTUNG: Dieser Text dient nur der Information des Lesers und unterliegt dem Urheberrecht. Die Verwendung (Vervielfältigung, Veröffentlichung, Weiterleitung, etc.) - auch nur auszugsweise - ist ohne Zustimmung des Verfassers widerrechtlich und vom Verein Igelkinder ausdrücklich nicht erwünscht. Wir sind nicht daran interessiert, in einen öffentlichen Konflikt gezogen zu werden - wir bestehen nur darauf, dass man das öffentliche Bild von Pflegeeltern nicht beschädigt.