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Hintergrund & Kommentare
Klare Rollenaufteilung - eindeutige Kompetenzen
Da es in Österreich ein starkes (leibliches) Elternrecht gibt, das auch "erziehungsunfähigen" Erwachsenen rechtliche Mittel in die Hand gibt, ihre Kinder via Gerichtsbeschluss zurückzufordern, kann auch die Jugendwohlfahrt nicht dafür "bürgen", dass vermittelte Kinder nicht doch zu den leiblichen Eltern zurückkehren, weil ein Gericht dem Antrag stattgibt. Im Regelfall wird der Jugendwohlfahrt bei Gericht Bewertungskompetenz zugesprochen, was das Kindeswohl betrifft, aber in Einzelfällen gibt es (zumindest in erster Instanz) leider auch anders lautende Entscheidungen.
Die Sicherheit, dass Kinder in den Pflegefamilien bleiben, ist also rechtlich nie gegeben - liegt es doch im Ermessen eines/r RichterIn, das Kindeswohl im Einzelfall zu definieren und verschiedene Aspekte gegeneinander abzuwägen. Gegen eine prinzipielle Ergreifung von Rechtsmittel durch die leiblichen Eltern ist auch nichts einzuwenden - denn auch dem Jugendamt könnte ein Fehler in der Beurteilung von Familien unterlaufen - es gibt kein System, das nicht frei ist von Fehlern.
Aber die zentralen Fragen bei der Kindeswohl-Entscheidung sind: Was macht eine Familie aus? Was ist notwendig für eine positive Entwicklung eines Kindes? Welche Wertigkeit gibt man der Bindung auf Beziehungsebene? Welche Rolle kann und darf eine Pflegefamilie übernehmen?
Die Entscheidung eines/r Richterin wird maßgeblich davon beeinflusst, wie er /sie für sich selbst Familie definiert, welcher Stellewert der Beziehungsebene zwischen Eltern und Kindern gegeben wird. Früher gab es einen enger gefassten und eindeutigen Begriff von Familie, das waren leibliche Verwandte (maximal Adoptivkinder wurden noch irgendwie dazugerechnet).
Doch der Familienbegriff hat sich gewandelt, es ist nicht mehr nur die leibliche Verbundenheit, die eine Familie ausmacht, sondern kann auch ein Geflecht aus Beziehungen sein. In Patchwork-Familien übernehmen neue Partner Erziehungsfunktion, somit auch die Vater- / Mutterrolle. Sofern die Erwachsenen in diesem Geflecht respektvoll miteinander umgehen und die Rollen klar verteilt sind, gibt es auch keine größeren Probleme.
Bei Pflegefamilien und leiblichen Eltern ist das anders: Das Verhältnis zwischen leiblichen Eltern und Pflegeeltern ist meist eher gespannt, weil es sich meist um Fälle handelt, wo die Jugendwohlfahrt gegen den Willen der leiblichen Eltern die Kinder aus der Herkunftsfamilie genommen und in eine Pflegefamilie gegeben hat.
Patchwork-Familien funktionieren ja auch nur, wenn alle Erwachsenen zumindest kompromissbereit sind und ihre Rolle im Beziehungsgeflecht annehmen können. Beim Verhältnis leibliche Eltern zu Pflegeeltern kann man also nicht davon ausgehen, dass grundsätzlich Respekt vorhanden ist und eine klare Rollenaufteilung akzeptiert wird.
Es ist ein langer Weg bis dahin und dauert meist einige Jahre - ein Prozess, den man als leiblicher Vater / Mutter unbegleitet eher nicht schaffen kann.
Es ist für SozialarbeiterInnen eine große Herausforderung, "erziehungsunfähige" Erwachsene zu kompromissbereiten und respektvollen Menschen zu machen, denn die an den Tag gelegte Erziehungsunfähigkeit resultiert ja aus meist aus dem (bewussten oder unbewussten) Unvermögen, Kompromisse gegenüber dem Kind zu einzugehen bzw. das Kind respektvoll zu behandeln oder dessen Bedürfnisse zu erkennen und Priorität einzuräumen.
Trotzdem wird mit den leiblichen Eltern bei einer Abnahme konkret zu klären sein: Wird das Kind wieder zurückkommen können oder nicht? Welche Rolle spiele ich dann noch im Leben des Kindes? Wie oft werde ich es sehen? Welchen Einfluss habe ich noch? Welche Rolle übernehme ich, welche die Pflegefamilie? Welche Perspektiven bieten sich dadurch mir und dem Kind?
Umso klarer diese Fragen erörtert und kommuniziert werden, umso klarer werden die Rollen von leiblichen Eltern und Pflegeeltern verteilt. Wir Pflegeeltern wünschen uns daher nicht nur ein klares Rollenbild für uns, sondern auch ein klares Rollenbild für leibliche Eltern, damit diese die Chance haben, in diese Rolle reinzuwachsen und das Beste aus der vorgegebenen Situation zu machen. Geklärte Rollen sind Voraussetzung für ein zukünftiges positives Zusammenspiel zwischen Herkunftsfamilie und Pflegefamilie.
Ungeklärte Rollen, leere Versprechungen, Hinhaltetaktiken oder ein Ignorieren der Realität verursachen bei beiden Parteien langfristig Probleme, zum Beispiel beim Besuchskontakt oder bei zukünftigen gemeinsamen Entscheidungen, die für das Pflegekind zu treffen sind.