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Ergänzungsfamilie oder Ersatzfamilie?

Hintergrund & Kommentare



Wie werden Pflegefamilien definiert:
Ergänzungsfamilie oder Ersatzfamilie?


(Thema aus Seminar Nienstedt / Westermann, Linz, Herbst 2009)


Die Grundfrage ist: Wird eine Pflegefamilie von der Jugendwohlfahrt, Gericht, etc. als "Ersatzfamilie" oder "Ergänzungsfamilie" definiert?

Der Unterschied liegt in der Kompetenzverteilung: Beim Modell der "Ergänzungsfamilie" leistet die Pflegefamilie nur ergänzende Erziehungsarbeit zur leiblichen Familie, bei der "Ersatzfamilie" übernimmt die Pflegefamilie die volle Familienfunktion.

Das Dilemma, in dem Pflegefamilien heutzutage oft stecken, ist daher leicht erklärt:

Zum einen funktioniert das Modell "Ergänzungsfamilie" bei erziehungsunfähigen Personen, die keine Kompromisse eingehen können oder wollen, nicht - zum anderen übernehmen (Dauer-)Pflegefamilien eindeutig die Rolle der "Ersatzfamilie", weil es keine realistische Option auf Rückkehr des Kindes in die Herkunftsfamilie gibt und weil es keine bis wenige Anknüpfungspunkte zur leiblichen Familie (meist nur in Form von Besuchskontakten) gibt.


So manche Fachleute negieren aber die gelebte Realität und propagieren und "beschönigen" Pflegefamilien als "Ergänzungsfamilien", oder wollen an dem - für die Dauerpflege völlig unbrauchbaren - Modell festhalten, weil es aus verschiedenen Gründen einfacher ist:

Es ist für leibliche Eltern - kurzfristig gesehen - leichter an der Illusion "Rückkehr des Kindes in die leibliche Familie" festzuhalten, als sich mit der (oft unschönen) Realität zu konfrontieren, dass das Kind in einer anderen Familie groß werden wird.

Dieser Realität ins Auge zu blicken ist - für uns alle nicht mal ansatzweise nachvollziehbar - unglaublich schwer und leibliche Eltern müssen sich zum Verlust des Kindes auch das eigene Versagen und Scheitern eingestehen. Geschönte Illusionen sind immer einfacher zu ertragen als die raue Wirklichkeit.

Daher ist es für SozialarbeiterInnen um ein Vielfaches schwerer und mit Mehraufwand verbunden, den leiblichen Eltern diese Illusion zu nehmen und sie mit der harten und realen Situation zu konfrontieren.

Auch gibt es Fälle, in denen diese Auseinandersetzung - leider ressourcenbedingt - nicht umfassend möglich ist. Es verlangt dem/der SozialarbeiterIn ein Mehr an Auseinandersetzung mit den leiblichen Eltern ab, ein Mehr an Trauerarbeit, oder ein Mehr an der Erarbeitung von neuen Lebens-Perspektiven. In Zeiten von gekürzten Sozial-Budgets daher oftmals eine Wunschvorstellung.


Wenn man als SozialarbeiterIn nicht viel an Zeit und Ressourcen hat, die leiblichen Eltern in einen langwierigen Begleitungsprozess zu führen oder die leiblichen Eltern dazu nicht bereit oder fähig sind, so liegt es auf der Hand, dass es einfacher ist, eine Illusion aufrecht zu erhalten oder eine Situation zu beschönigen.

So kommt es, dass weiterhin vielerorts am Modell "Ergänzungsfamilie" festgehalten wird, obwohl dies langfristig nur zu Problemen und Spannungen zwischen leiblichen Eltern, Jugendamt und Pflegefamilien in vielen Fällen führt. (Zumindest solange, wie sich die leiblichen Eltern für die Situation interessieren - viele steigen nach einigen Monaten aus den Kontakten aus).

Oftmals - so haben wir den Eindruck - entstehen aus diesem Grund heraus auch manchmal seltsame Zugeständnisse - ein übertriebenes Entgegenkommen bei Besuchskontakten, das Belassen der Obsorge bei den leiblichen Eltern auch bei langjährigen Pflegeverhältnissen, etc.

Um es zusammenzufassen -
aufgrund von Ressourcenmangel, einem beschönigenden Weltbild oder der Angst vor dem Konflikt mit der leiblichen Familie kommt es manchmal dazu, dass die Pflegefamilie öffentlich als "Ergänzungsfamilie" deklariert und propagiert wird.

In der Realität tragen die Pflegeeltern aber so viel an dauerhafter Verantwortung für das Pflegekind, als dass man sie in ihrer Funktion nur als "Ersatzfamilie" bezeichnen kann.

Die meisten Probleme, mit denen Pflegefamilien zu kämpfen haben, entstehen aus dieser falschen Definition. Da mit der falschen Definition ("Ergänzungsfamilie" statt "Ersatzfamilie") auch andere Erwartungen und andere Befugnisse einhergehen, sind daraus resultierende Probleme die logische Konsequenz.

Aber nicht nur Pflegeeltern werden mit der falschen Bezeichnung verleugnet, auch die Pflegekinder: Kein Kind kann gleichzeitig das Kind von zwei Elternpaaren sein - die Elternrolle muss für ein Kind eindeutig geklärt sein.

Beim Modell "Ergänzungsfamilie" bleiben die leiblichen Eltern auch weiterhin die emotionalen Eltern und die Pflegefamilie ist nur temporär oder emotional eher sekundär Bezugsperson, gleichzusetzen mit anderen Verwandten, die bei der Erziehung im Laufe eines Großwerdens mithelfen. Dieses Modell "Ergänzungsfamilie" ist also nur dann geeignet, wenn eine Rückführung zeitlich absehbar und geplant ist - weil kein Bedarf an neuen primären Bezugspersonen gegeben sein darf.


Das Modell der "Ersatzfamilie" ist dann anzuwenden, wenn keine Rückführung absehbar oder geplant ist. Der Grund: Bei dem Modell "Ersatzfamilie" findet aufgrund der Trennung nach einiger Zeit für das Kind ein Austausch der primären Bezugspersonen (Mutter / Vater) statt.

Erst dieser Austausch schafft für das Kind eine stabile Situation und garantiert ihm eine positive weitere Entwicklung.

Das hat nichts mit erzieherischer Manipulation durch die Pflegeeltern zu tun - Kinder brauchen diese primären Bezugspersonen und suchen diese selbst und aktiv. Es gibt nicht wenige Fälle, in denen Pflegeeltern dem Kind anfangs statt "Mama" und "Papa" ihren Vornamen zur Benennung angeboten haben, und die Kinder von selbst nach einigen Tagen auf "Mama" und "Papa" umgestiegen sind, einfach weil sie so empfinden und die Bezugspersonen austauschen in jene, die vorhanden und greifbar sind.

Für ein Kind ist es nicht relevant, ob es mit der Bezugsperson leiblich verbunden ist oder nicht. Für ein Kind ist eine Bezugsperson jene Person, die die Rolle der Bezugsperson in voller Verantwortung übernimmt.

"Mama" und "Papa" ist daher eine Frage der Rolle, der Funktion, der Verantwortung.

Wenn man Pflegeeltern diese Rolle (Ersatzfamilie) nicht auch offiziell zuerkennt und sie nur als "Ergänzung" zu den primären leiblichen Bezugspersonen sieht, wertet man ihre Funktion ab und negiert auch das Bedürfnis der Kinder nach sicheren, greifbaren und ständig anwesenden primären Bezugspersonen.
Man ignoriert damit auch, dass das Pflegekind von selbst andere Bezugspersonen gewählt hat.

Es ist daher notwendig, dass sich die Jugendwohlfahrt bei der Vermittlung eines Pflegekindes auf einen Dauerpflegeplatz ganz bewusst für das Modell "Ersatzfamilie" entscheidet und diese auch so öffentlich benennt.



Die Funktion der "Ergänzungsfamilie" (ergänzende Erziehungsarbeit zu den leiblichen Eltern) kann nur von Krisenpflegeeltern und institutioneller Pflege übernommen werden, nicht von Pflegeelternwerbern, die eine dauerhafte Pflege und den Aufbau von Bindungen als elterliche Bezugspersonen anstreben.

Es ist falsch und unverantwortlich gegenüber Pflegeeltern und Pflegekindern, diese öffentlich als "Ergänzungsfamilie" zu bezeichnen, ihnen aber inhaltlich die Funktion der "Ersatzfamilie" zuzuweisen.

Es ist falsch und unverantwortlich, Pflegefamilien bewusst als "Ergänzungsfamilien" zu bezeichnen oder so zu behandeln, nur weil es eine rechtliche Option auf Rückführung gibt.

Wir fordern daher als Pflegeelternverein von den Entscheidungsträgern im Bereich Pflegekinderwesen ein klares Bekenntnis zum Modell der "Ersatzfamilie".

Wir fordern daher auch, dass jene Bindung, die Kinder von selbst zu uns als primäre Bezugspersonen aufbauen, von allen Entscheidungsträgern im Pflegekinderwesen respektiert, gesichert und aktiv geschützt werden.



Die Realität bestätigt unsere Forderung....

Laut einer Studie des deutschen Jugendinstitutes ist das Modell der "Ergänzungsfamilie" nicht für Dauerpflege geeignet - denn in nur 6% der längeren Pflegeverhältnisse war eine Rückführung geplant, umgesetzt wurde diese aber nur bei 3% aller Pflegeverhältnisse.


Dieses Ergebnis ist der Statistik des Referat für Adoptiv- und Pflegekinder in Wien (2008) nicht unähnlich: im Jahr 2008 sind nur 2 von insgesamt 1.242 Pflegekindern zur leiblichen Familie zurückgegangen. Im Jahr 2009 waren es 4 von 1.296.

Warum besseren Wissens einige Entscheidungsträger noch immer eine Dauerpflegefamilie als "Ergänzungsfamilie" definieren und die reale Situation verkennen, ist mehr als verwunderlich und für alle Beteiligten in den Auswirkungen belastend.



Auch wenn in unseren Berichten immer wieder ehe negativ von "realitäts-resistenten" Fachleuten die Rede ist - gesagt sei auch:

Wir bedanken uns hiermit recht herzlich bei all jenen, die der realen Situation ins Auge blicken und den Pflegefamilien tagtäglich dabei helfen, das zu sein oder zu werden, was für Pflegekinder das Beste ist: Eine ganz normale Familie mit Verantwortung, Rechten und Pflichten.




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