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Hintergrund & Kommentare
Traumatisierte Kinder brauchen Zeit, um in einem neuen Familiensystem Fuß zu fassen, Bindungen zuzulassen und Vertrauen zu gewinnen. Wie lange das im Einzelfall ist, hängt individuell vom Kind und von der jeweiligen Vorgeschichte und der Intensität der Traumatisierungen ab.
Manche sagen, es gäbe die Daumenregel, dass ein Kind so lange braucht, um in einer Pflegefamilie sicher gebunden zu sein, so lange wie es vorher bei den leiblichen Eltern gelebt hat. Jüngere Kinder leben sich daher leichter ins neue Familiensystem ein, manche Kinder haben aber so belastende Erlebnisse durchgemacht, dass erst mit der Pubertät alles rausbricht und es zu massiven Spannungen in der Pflegefamilie kommt.
Die deutschen Psychologen und Pflegekinder-Fachleute Nienstedt und Westermann unterteilen den Prozess der Integration in drei Phasen:
Anpassung
Übertragungsbeziehung
Regression
Erst nach Absolvierung dieser Phasen kann sich ein Kind neu binden, je nach Traumatisierung sind diese verschieden lang und verschieden intensiv.
ANPASSUNG:
Ein Pflegekind kommt in die Pflegefamilie und die Pflegeeltern wundern sich oft, wie "pflegeleicht und freundlich" das Kind ist. Es folgt brav, gliedert sich in die neue Familie ohne Probleme ein - aber der Schein trügt - dieses Verhalten wird zumeist aus Unsicherheit an den Tag gelegt. Fühlt sich das Kind nach einigen Wochen oder Monaten sicherer, wird die Qualität der neuen Bindung auf die Probe gestellt und das Verhalten ändert sich plötzlich.
ÜBERTRAGUNGSBEZIEHUNG:
Das Kind überträgt alte Muster und Verhaltensweisen auf seine neuen Pflegeeltern - das ist für die Pflegeeltern die schwierigste Zeit, weil sich viele fragen, was sie denn falsch gemacht haben, wenn aus einem so "angepassten braven" Pflegekind plötzlich ein provozierendes, aggressives Kind wird, das die Pflegeeltern mit seinem Verhalten manchmal an den Rand des Wahnsinns bringen kann. Die knappe Antwort: Sie haben gar nichts falsch gemacht - Gratulation, das Kind ist ein Stück weiter beim Verarbeiten seiner eigenen traumatisierenden Geschichte.
Im Spiel werden die traumatischen Erfahrungen immer wieder inszeniert, aus dieser ständigen Wiederholung kann man auf traumatische Erfahrungen schließen ("Posttraumatische Spiele"). Kinder beziehen oft Erwachsene in dieses "Spiel" ein - der Erwachsene soll mitspielen und den Anweisungen des Kindes folgen, nicht abweisend reagieren. Das Kind kann dabei Ängste "ausspielen" indem der Erwachsene das Opfer und das Kind der "Starke / Täter" ist. (Bei sexuellem Mißbrauch in der Vorgeschichte des Kindes muß der Erwachsene aber klare Regeln setzen und darf nicht den "Angeboten" des Kindes folgen. Dem Kind muß man deutlich sagen "So etwas machen verantwortungsvolle Erwachsenen mit Kindern nicht. Ich kann verstehen, dass Du viel Angst hattest - aber das ist jetzt vorbei.")
Wenn das Kind angsterzeugende Situationen aus der Vorgeschichte mit ihnen durchspielt - geben Sie dem Kind Sicherheit in dem Sie sagen: "Ich kann mir vorstellen, dass ein sehr viel Kind Angst hat, wenn Erwachsenen so etwas (....) machen." und "Ich kann mir vorstellen, dass Du viel Angst dabei hattest, als Erwachsene dir das angetan haben. Das wird dir nicht mehr passieren bei uns, wir werden Dich davor beschützen."
Ein Kind muß seine Traumatisierungen und Konflikte bei den Pflegeeltern nochmals durchspielen und verarbeiten, um sich davon distanzieren zu können. Ein Pflegekind braucht auch die Versicherung, dass die Pflegeeltern es in Zukunft vor solchen negativen Erfahrungen schützen werden.
Es ist also durchaus positiv zu werten, wenn Pflegekinder in diese Phase der Übertragung kommen - und als Trost sei allen Pflegeeltern gesagt, erst durch dieses Übertragungsbeziehung kommt es letztendlich zur qualitätsvollen Bindung an die Pflegeeltern. Halten Sie durch! Holen Sie sich professionellen Rat, falls die Situation außer Kontrolle gerät und sie selbst zu stark belastet!
REGRESSION:
Wenn die Übertragungsphase überwunden ist, kann das Kind jene Entwicklungsstadien "in Sicherheit" nachholen, die es bislang nicht gemeistert oder überwunden hat - so kann es sein, dass Kinder zeitweilig wieder "babyhafter" werden oder andere Muster früherer Entwicklungsstufen an den Tag legen.
Kinder müssen diese Entwicklungsstufen im geschützen Rahmen erfolgreich absolvieren, weil sie es in der traumatisierenden Situation damals nicht konnten. Lassen Sie das Pflegekind also diese früheren Entwicklungsstufen durchlaufen und erfolgreich absolvieren. Meist dauern diese "Ausflüge in die Vergangenheit" nur recht kurz.
Hat das Kind alle drei Stufen der Integration gemeistert, so gilt es als in der Pflegefamilie sicher gebunden.
Anzumerken sei auch, dass speziell ganz junge Kinder oder wenig traumatisierte Kinder diese Phasen nicht oder nicht so intensiv durchlaufen - und andere Kinder in der Pubertät die Übertragungsphase nochmals "ausgraben" und intensiv ausleben (vor allem dort, wo in der Pflegefamilie Konflikte eher klein gehalten wurden bzw. nicht alles offen besprochen wurde). Das erklärt auch, warum es doch auch immer einige Pflegekinder gibt, die in der Pubertät in eine WG gehen - manchmal sind die Auswirkungen der "Übertragungsbeziehung" bei einem Pubertierenden einfach zu viel für Pflegeeltern bzw. ist das Verhalten möglicherweise um ein Vielfaches intensiver als bei einem Kleinkind.
Hier finden sie ein interessantes Referat zum Thema:
"Wie bewältigt ein Pflegekind die Integration in seine Pflegefamilie?".