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Interview: Pflegekinder damals

Ein Pflegekind aufnehmen


INTERVIEW mit Pflegemutter Frau C.

Pflegekind einst und jetzt

Das Interview wurde am 18.10.2011 von Tanja B. (Pflegemutter) in Niederösterreich geführt


Einleitung: Nachfolgendes Interview habe ich mit einer Pflegemutter geführt, deren Pflegekinder schon erwachsen sind. Die Vermittlungspraktiken von Jugendämtern in früheren Jahrzehnten sowie die Motivation der Aufnahme eines Pflegekindes vor mehr als 40 Jahren waren für mich dabei von besonderem Interesse.

Frau C. ist eine lebensfrohe und gastfreundliche Frau Mitte sechzig. Mit ihrem Ehemann, der seiner Frau an Freundlichkeit nicht nachsteht, lebt sie in einem kleinen Einfamilienhaus im Weinviertel. Gleich nebenan wohnt der leibliche Sohn mit Frau und den Enkelkindern, die die Oma auf Trab halten. Frau C. zaudert nicht und willigt gleich in ein Interview über ihr Pflegemutterdasein ein. Wir unterhalten uns in ihrem gemütlichen Wohnzimmer. Ein paar Mitbringsel und Souvenirs in den Regalen erinnern an Freunde und Bekannte. Alles strahlt praktische Ordnung und Einfachheit aus. Perfekt muss hier gar nichts sein. Der 13-jährige Enkelsohn lehnt gemütlich neben uns im Couchsessel und sieht sich einen Zeichentrickfilm im Fernsehen an. Das wäre auch nebenan bei ihm zuhause möglich aber bei Oma ist es gemütlicher. Mein kleiner Pflegesohn bekommt eine Spielzeugschachtel vorgesetzt und ist damit den Großteil unseres Gespräches beschäftigt.



Igelkinder: Wann haben Sie das erste Mal daran gedacht ein Pflegekind aufzunehmen und welche Motivation war dahinter?

Frau C: Wir hätten nach unserem ersten Sohn gerne weitere Kinder gehabt. Leider hatte ich dann zwei Totgeburten, die wahrscheinlich eine erbliche Ursache hatten. So konnten und sollten wir keine weiteren leiblichen Kinder bekommen und haben an ein Pflege- oder Adoptivkind gedacht. Unser leiblicher Sohn war zu dieser Zeit sechs Jahre alt und hat oft über ein Geschwisterkind gesprochen. Von einer Bekannten haben wir dann den Tipp bekommen, uns an die Fürsorge in Wien zu wenden. In Wien, hat die Bekannte gemeint, würde man schneller zu einem Pflege- oder Adoptivkind kommen. Das war 1972.


Igelkinder: Was haben Sie dann weiter unternommen?

Frau C: Wir haben also mit der Fürsorge in Wien Kontakt aufgenommen und sind gleich am nächsten Tag zu einem Gespräch mit einer Sozialarbeiterin eingeladen worden. Kurse für Pflegeeltern oder psychologische Tests gab es damals nicht. Nicht einmal einen Hausbesuch im Vorfeld. Sie hat uns gefragt, warum wir gerne ein Kind aufnehmen möchten und uns über Pflegekinder informiert. Gleich bei diesem ersten Gespräch hat sie uns erzählt, dass es im Moment keine Kinder gäbe, die zur Adoption frei wären. Im Kinderheim in Perchtoldsdorf sei ihr aber ein 2-jähriges Mädchen bekannt, das ganz sicher nicht mehr zu seinen leiblichen Eltern zurückgehen würde. Sie hat uns erzählt, dass das Mädchen während der 11 Monate bei seiner Mutter schwer misshandelt worden ist. Sie sei mit glühenden Zigaretten und heißem Wasser von der Mutter gequält worden. Das Mädchen sei auch mit einem Nasenbeinbruch übernommen worden. Danach hat sie uns über die möglichen psychischen Folgen von derartigen Misshandlungen aufgeklärt. Auch über Unterstützungsmöglichkeiten und Therapien hat sie uns erzählt.


Igelkinder: Was haben Sie über den Kindervorschlag und das schwere Vorleben des Kindes gedacht? Haben Sie sich gleich für ein "Ja" entschieden?


Frau C: Wir haben das nicht auf die leichte Schulter genommen. Mein Mann und ich haben uns lange darüber unterhalten, ob wir uns das wohl zutrauen würden. Inzwischen hat die Wiener Fürsorge eine Sozialarbeiterin aus unserem Bezirk darüber informiert, dass wir gerne Pflegeeltern werden möchten. Diese Sozialarbeiterin hat daraufhin unseren leiblichen Sohn im Kindergarten besucht und ihm allerhand Fragen gestellt. Ob er gerne eine Schwester oder einen Bruder hätte und ähnliches mehr. Der hat alles nur mit "Ja" beantwortet .


Igelkinder: Wann haben Sie Ihre Pflegetochter dann das erste Mal gesehen? Wie war die erste Begegnung mit dem Mädchen?

Frau C: Vier Monate, nachdem das Jugendamt unseren Sohn im Kindergarten befragt hatte, durften wir das Mädchen im Kinderheim Perchtoldsdorf kennenlernen. Die Kleine hat überhaupt nicht gefremdelt und ist gleich auf mich zugegangen. Das Kinderheim war schön und sauber. Bei den Schwestern waren aber schon sehr grantige dabei. Mein Mann hat denen aber gleich die Schneid abgekauft. Da schaltet sich auch gleich Herr C. ein: "Ich habe denen gleich gesagt, dass sie die M. gut behandeln müssen, weil das jetzt mein Kind ist und dafür gehe ich durchs Feuer!" Wir durften M. insgesamt dreimal in Perchtoldsdorf besuchen, bis wir sie zu uns nach Hause nehmen durften.


Igelkinder: Wie war die erste Zeit zuhause? Hat sich M. gut bei Ihnen eingelebt? Konnten Sie bemerken, dass das Mädchen ein schwieriges Vorleben hatte?

Frau C: M. hat sich sofort bei uns eingelebt. Sie ist aber stark an mir geklebt und hat mich nie aus den Augen gelassen. Nur beim Baden hatte die Kleine regelrecht Panik. Wir mussten sie zu dritt halten und beruhigend auf sie einreden, damit sie sich waschen lassen hat. Das war nach einigen Malen aber auch vorbei. Unser leiblicher Sohn und M. haben eine gute Geschwisterbeziehung aufgebaut und gerne miteinander gespielt. M. war ein lebensfrohes Kind.


Igelkinder: Wie ist die Schulzeit und Pubertät bei M. verlaufen?

Frau C: In der Schulzeit hatte M. Lernprobleme. Sie konnte sich nichts merken und hat viele Dinge nicht verstanden. Da war sie eine Zeit lang in psychologischer Betreuung. Sonst war sie nie in Therapie. M. hat die Pflichtschule abgeschlossen und ist dann bald arbeiten gegangen. Sie war meistens im Verkauf oder als Bedienerin beschäftigt. Sie war sehr fleissig.


Igelkinder: Gab es dazwischen Kontrollen oder Hausbesuche vom Jugendamt?

Frau C: Gleich nachdem M. zu uns gekommen ist, war jemand vom Land da und hat kontrolliert, ob M. ein eigenes Bett hat. Der war aber schnell wieder weg als er gesehen hat, dass es M. gut bei uns geht. Danach war einmal eine Sozialarbeiterin vom Bezirk da. Nachher gab es nur noch telefonischen Kontakt, weil eh immer alles in Ordnung war.


Igelkinder: Wie ging es dann weiter mit Ihrer Pflegetochter? Was macht sie jetzt?

Frau C: M. ist heute 41 Jahre alt und zurzeit bei ihrem jüngsten Kind zuhause. Sie ist Hausfrau und Mutter. M. hat drei Kinder bekommen. Den ältesten Sohn von M. hatte ich vom sechsten bis zum 15. Lebensjahr ebenfalls in Pflege. M. ging damals arbeiten und wusste nicht, wie sie ihren Sohn selbst versorgen sollte. Wir haben uns einvernehmlich darauf geeinigt, dass ich ihn während der Schuljahre in Pflege nehmen würde. Sie war darüber sehr froh. Mit 15 Jahren wollte der Sohn dann wieder zurück zu seiner leiblichen Mutter. Seit vier Jahren leben sie also wieder zusammen.


Igelkinder: Gab es jemals Kontakt zur Herkunftsfamilie von M.?

Frau C: M. hat als 19-jährige intensivere Nachforschungen über ihre Mutter betrieben. Davor habe ich ihr das erzählt, was ich gewusst habe. Das war ja nicht viel - schließlich hatte sich die Mutter bald ins Ausland abgesetzt und war verschollen. Kontakt gab es nie, weil die leibliche Mutter schon tot war, als M. mit den Nachforschungen begonnen hat. Als M. 17 Jahre alt war hat das Jugendamt angerufen und mir mitgeteilt, dass der leibliche Vater von M. gestorben sei. Ich habe M. den Hörer gegeben, damit die Sozialarbeiterin selbst mit ihr sprechen kann. M. hat nur gemeint, dass es für sie nur einen Papa gäbe und der sei nicht tot sonder wäre hier bei ihr zuhause (Pflegevater). Sie wollte auch nicht auf das Begräbnis gehen.


Igelkinder:
Glauben Sie, dass es M. durch Ihr Aufwachsen als Pflegekind und/oder durch ihre schwere Zeit als Baby und Kleinkind in manchen Lebensbereichen schwieriger hat als andere?

Frau C: Das kann ich so nicht sagen, weil ich ja nicht weiß, wie sie sonst wäre. Aufgefallen ist mir aber, dass sie in ihren Beziehungen immer an Männer gerät, die nicht arbeiten wollen. Der erste Mann war auch Alkoholiker. Sie zieht es regelrecht dorthin.

Igelkinder: Hat sich der Kontakt zu Ihrer Pflegetochter gehalten? Wie ist Ihre Beziehung jetzt zueinander?

Frau C: M. ist mit zwanzig von uns ausgezogen. Wir telefonieren seither fast täglich miteinander. M. ist für mich wie eine leibliche Tochter. Wir reden auch über alles. Mein Mann und ich haben auch unser Erbe gerecht zwischen unserem leiblichen Sohn und der Pflegetochter aufgeteilt. Sowohl M. als auch ihre Kinder besuchen uns häufig. Wenn ich gesundheitlich nicht schon so angeschlagen wäre, hätte ich nach unserem "Pflegeenkelsohn" sofort wieder ein Pflegekind aufgenommen.

Igelkinder: Vielen Dank für das Gespräch!



Hinweis: Der Nachdruck des Interviews, auch auszugsweise, oder andere - nicht genehmigte Verwendung - ist ausnahmslos verboten.


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